The Tablet und die Hoffnung, Apple mache alles gut
Vor wenigen Wochen noch hätte ich vehement verneint, dass Apple in absehbarer Zukunft ein tablettartiges Gerät vorstellt, nun glaube ich im allgemeinen Rumor-Wahn (nur ein letzter, willkürlicher Link von vielen) selbst daran und bin auch schon gespannt. Die Skepsis ist jedoch weiterhin dieselbe. Denn was ich in allen Gerüchten noch nicht gelesen habe, ist: Wozu wird es da sein, warum kommt es jetzt und weshalb sollte gerade Apple das Patentrezept gefunden haben?
So viel Apple-Gläubigkeit muss gestattet sein: Wenn nicht Apple, wer dann? Andere Hersteller mit Visionen sind rar gesät. Man braucht keine Visionen, um Erfolg zu haben, das ist richtig. Ergo suhlen sich Beliebigkeitshersteller wie Acer, Asus und wer noch alles im oberflächlichen Erfolg der Netbooks, die hohe Stückzahlen bei minimaler Marge garantieren, aber die eine Frage nicht beantworten: Wozu diese Geräte? Netbooks in ihrer bisherigen Ausgestaltung sind ein bloßes Abbild technischer Machbarkeit, die ein Marktbedürfnis bedienen, von dem weder Hersteller noch Konsumenten (!) genau wissen, wie es eigentlich aussieht. Denn dass Konsumenten nach schepprigen 200-Euro-Klapptäschchen fragen, deren inhaltliche Konzeption (Software, Bedienung) sich in keinster Weise vom heimischen Aldi-Desktop unterscheidet, kann und will ich nicht glauben.
Ja, es gibt eine Nachfrage nach etwas, das größer als ein Handheld/Mobile Phone ist und kleiner als ein Notebook. Aber der Konsument ist in einer Zeit des konsumistischen Überflusses nicht ausgerechnet der kreativste Nachfrager. Er weiß erst, was er will (oder nicht will), wenn er es angeboten bekommt. Und greift sich am Markt das, wovon er glaubt, dass es dem am nächsten kommt, was er glaubt zu wollen. Die Hersteller wiederum stellen her, was sie können. Heutige Netbooks sind nichts weiter als die Schnittmenge, die sich daraus zufällig ergibt.
Daher sehnen sich viele nach The Tablet. Nach “The Answer”. Nach dem Produkt von Apple, das uns sagt, was wir denn wollen. Oder damit wir etwas in Händen halten können, von dem wir dann sagen können: “Ja, genau, das ist es, so wollte ich das haben.” Warum alle diese Hoffnung, diese Erwartung ausgerechnet auf Apple projizieren sei dahingestellt. iPod und iPhone sind wohl solch herausragende Beispiele für Produkte, die beim Konsumenten genau jenes “Ja so wollte ich das haben”-Erlebnis hervorrufen, dass in Ermangelung eines anderen kompetenten Herstellers alle Erwartung sich auf Apple konzentriert. Dass es überhaupt eine Erwartung gibt, und dass sie sich derart auf Apple konzentriert, ist der beste Beweis dafür, dass es eine Nachfrage gibt, die bislang zu vage, zu unausgesprochen, zu unbewusst vorhanden ist, als dass es auf dem Markt ein Produkt gäbe, das sie befriedigen könnte. Und das heißt explizit nicht, dass es technisch nicht vorhanden wäre. Es bedeutet vielmehr, dass es noch kein Bedienkonzept gibt, das die Konsumenten glücklich machen würde. Die Hoffung auf The Tablet ist die Hoffung auf “das große Ganze”, die Philosophie hinter dem Produkt, welche einer technisch lösbaren Aufgabe jenen Flair, jenen Enthusiasmus, jenen Sinn verleiht, der uns diese Aufgabe mit Freude an der Sache erledigen lässt. MP3s hören war auch schon vor dem iPod möglich, aber es hat nie so viel Spaß gemacht. Musik kaufen ist keine neue Erfindung, klappt aber vor allem im iTunes-iPod-Universum als Erfahrung. You get the idea.
Bleibt immer noch die Frage, warum ausgerechnet Apple ausgerechnet jetzt die Antwort haben sollte. Apple betritt nie neue Märkte. Es betritt Märkte, die vorhanden sind, in denen aber (aus Sicht Apples) ein Defizit besteht, welches sie für einen ausreichenden Anteil beheben können. Im nebulösen Bereich der Sub-Notebooks-Above-Handhelds fällt es aber schwer, überhaupt einen klar umrissenen “Markt” auszumachen, noch dazu einen, den man mit einem einzelnen Gerät und einem endlich durchdachten Konzept verbessern (oder überhaupt erst erschließen) kann. Was im Bereich Musik erreicht worden ist in nun mittlerweile fast einem Jahrzehnt ist in anderen Bereichen (Video, Bücher, Magazine etc.) noch nicht einmal ansatzweise vorhanden. Da kann ich gerne von The Tablet als dem ultimativen Medien-Konsum-Gerät träumen, nur wird das weder Apple noch sonst ein Anbieter derzeit liefern können – weil es schlicht an einer brauchbaren Konsumfähigkeit der Inhalte mangelt. Und anders als bei der Musik, die man abseits von (anfangs nicht vorhandenen) MusicStores von der heimischen CD-Sammung auf den iPod laden konnte existiert diese Möglichkeit in anderen Bereichen nur äußerst eingeschränkt (wenn überhaupt).
Nun bin ich ja auch nur ein weiterer dieser unkreativen Konsumenten und harre ebenso hoffnungsvoll der Dinge, die da kommen mögen. Nur frage ich mich, was gerade jetzt ein Apple Tablet bieten könnte, was “den Markt” einmal mehr revolutioniert. Beim AppleTV wäre etwa das Verlangen der Konsumenten schon wesentlich greifbarer. Hier reagiert Apple jedoch überhaupt nicht, ja lässt nicht einmal einen wirklichen Fortschritt erkennen. Und dann soll The Tablet kommen und es richten, dem einen den besseren Kindle, dem zweiten das bessere Subnotebook, dem dritten die ultimative PSP, dem vierten ein hübscheres ModBook, dem fünften den MacBook-Ersatz und dem sechsten das alles zusammen in einem Gehäuse nicht größer als das des iPhones, aber mit 10″-Screen und für unter 500 Euro bescheren?
Ich wage trotz aller Zweifel und Unwissenheit denn doch eine Prognose – ob nun The Tablet schon im Januar vorgestellt wird oder erst viel später: Apple wird, wie das John Gruber auch schon angedeutet hat, etwas vorstellen, was man eher statt eines MacBooks kauft. Apple wird den Einstieg in die Welt der mobilen Computer neu definieren. Ein MacBook, derzeit auffällig stiefmütterlich behandelt, ist derzeit der Einstieg. Ein vollwertiger Computer, mit dem man alles machen kann, der als einziges Gerät dienen kann, das erschwinglich ist (ansonsten wäre ja auch das Air ein Einsteiger, dem fehlt aber die Erschwinglichkeit). Für viele Anwender kann es aber schon zu viel. Das iPhone ist der Beweis, dass man für Surfen, E-Mailen, Musikhören und Videoschauen keinen vollwertigen Rechner braucht. Gleichzeitig dürfte das ein verbreitetes Anwendungsfeld sein. Andererseits ist schon Briefe schreiben für ein iPhone zu hoch. Es ist zu klein dafür, zu ungeeignet. Ebenso ungeeignet, wie ein MacBook für ein kurzes Video zwischendurch ist. Apple wird es schaffen, diese beiden Geräte, diese beiden Konzepte zu etwas zu verschmelzen, das ein Kompromiss einerseits ist (vollwertiger Rechner – x, Handheld + x), andererseits durch die klare inhaltliche und konzeptionelle Ausrichtung eine Geräteklasse begründet, die nachgefragt werden wird. Es ist nicht nur einfach ein Gerät, das etwas weniger kostet als ein MacBook, aber letztlich so viel weniger kann, dass man doch wieder zum MacBook greift, weil dies alles, was The Tablet kann, ja letztlich auch kann. Das Tablet wird eine Anwendbarkeit haben, die für Computer-Einsteiger ausreicht, sogar als einziges Gerät dienen kann, und gleichzeitig die “Casual things” (Musik, Video, Spiele, Medienkonsum) so viel besser benutzbar macht als ein MacBook, dass man es um diese Benutzbarkeit willen einem MacBook vorzieht. Es wird also kein Computer sein. Aber genug Computer, um einen zu ersetzen.