myalteregois not amused

It’s about content, stupid!

Das Wall Street Journal hat sich in der letzten Woche mit zwei Artikeln (hier und dort) reichlich weit aus dem Fenster gelehnt. Eingedenk des Rufs der Zeitung ist es also zumindest nicht abwegig, dass viele der in diesen Artikeln erwähnten Details der Wahrheit nahe kommen – auch wenn sie ganz sicher nicht das gesamte Spektrum von Apples Plänen abdecken.

Wenn man insbesondere den Ausführungen im zweiten Artikel, “Apple Sees New Money in Old Media”, Glauben schenkt, so dürfte “The Tablet” tatsächlich eher ein iPhone/iPod touch artiges Gerät sein – also ein eher passives Gerät zum Medienkonsum. Nimmt man dies einmal als Grundlage für wilde Spekulationen, dann fällt The Tablet als wichtigstes Spekulationsobjekt eigentlich schon aus – wer auf das iPhone als Basis aufbauen kann, kann gar nicht so daneben langen. The Tablet steht und fällt definitiv mit dem verfügbaren Inhalt.

Es wäre aber wohl kaum damit getan, nun via iTunes Store auch E-Books zu verkaufen. Damit wäre The Tablet kaum mehr als ein um Kindle-Fähigkeiten aufgemotzter iPod – für kolportierte (bis zu) 1000 Dollar?Das kann man wohl sicher ausschließen. Ebenso kann es nicht der Stein der Weisen sein

e-books enhanced with video, author interviews and social-networking applications

als die nächste heiße Scheiße anzubieten, insbesondere, wenn diese “enhanced” E-Books nur dem Zweck dienen, den durch Amazon forcierten Preis von 9,99 Dollar für E-Book-Bestseller wieder in die Höhe zu treiben. Sollte sich Apple vor den Karren spannen lassen, alberne Verlagsträumereien von maximiertem Profit salonfähig zu machen, haben sie die Produktionskapazität für das Tablet hoffentlich ausreichend niedrig kalkuliert.

Dabei ist unbestritten, dass die Kombination aus digitalen Büchern, umfangreichem Store und einem eleganten Gerät eine Menge Potential bietet. Der Bildungsbereich z. B. schreit geradezu nach einer Evolution. Seit wie vielen Jahren liegen Fachbüchern nun schon DVDs mit Übungsbeispielen bei? Und seit wievielen Jahren verrotten diese DVDs (wenn sie verrotten könnten) schon im Buch, weil die parallele Handhabung von Buch und DVD grottig ist? Seit wievielen Jahren werden Fachbücher einmalig angeschafft und dann bis über jede Haltbarkeit hinaus benutzt, weil eine Aktualisierung die Mittel übersteigt? Aktuelles, sich veränderndes, entwickelndes Wissen, das der Interaktion bedarf, auf tote Bäume zu drucken, ist genau betrachtet grotesk. Aber wo sind die Verlage, die neue, innovative Angebote schaffen? Warum kommt die Initiative nicht schon lange von den Inhalte-Erzeugern selbst? Stattdessen muss man sich solch hanebüchenen Unsinn wie enhanced E-Books mit social networking capabilities anhören? Damit man auf Knopfdruck sehen kann, wer noch alles dieses Buch liest? Wenn das nicht vielmehr dem Zweck dient, Leser-Profile anzulegen, um bessere Werbung schalten zu können. Nein danke, das ist altes Denken aus einer zur Evolution unfähigen Branche.

Interessant ist in wenigen Tagen also fast schon weniger, was Apple schönes geschaffen hat als vielmehr, in welcher Weise und welchem Umfang Apple Bewegung in einer zutiefst verkrusteten Industrie wird verursachen können. Die zeitnahe Verfügbarkeit der finalen Staffel von LOST auch im deutschen (interessanterweise aber NUR im deutschen, nicht z. B. im AT- oder CH-) Store ist vielleicht ein Anzeichen sich ändernder Bedingungen, die bislang nicht absehbar waren.

Ich will das kommentieren

Diese Seite kann Spuren von Ironie enthalten. Widerworte, Beschwerden oder sonstige Kommentare an: drwatson@myalterego.de