Die meist unterschätzte Revolution. EVAR.
Ich muss zugeben: Ich bin überrascht. Überrascht ob der äußerst vehement vorgetragenen Negativreaktion auf das iPad. Und ich will keineswegs für mich beanspruchen, die Weitsicht für mich gebucht zu haben, aber viele der Negativkommentare scheinen mir zu vorschnell aus zu weiter Entfernung abgegeben zu sein. Meine eigene Wahrnehmung verlief in etwa so: Die Textticker rissen mich nicht vom Hocker. Das klang nicht wahrlich aufregend. Die Specs kurz danach: ok, aber nicht wirklich erhellend (tatsächlich finde ich das iPad nach wie vor erstaunlich ungreifbar, trotz vieler bunter Apple-Webseiten dazu). Zu Beginn des Videostreams der Vorstellung ein Hauch gediegenen Déjà-vus. Doch es folgten die App-Demos, etwa TheBat, Brushes und allen voran iWorks. iWorks hat mir wie nichts anderes im Hype um das Tablet deutlich gemacht, was das iPad sein oder werden könnte. Wie diese proklamierte Lücke zwischen Smartphones und Notebooks gefüllt, ja, wie sie überhaupt aussehen könnte.
It’s telling that the most intriguing user experiences shown off today were the iPad versions of the iWork suite. iWork? If Steve Jobs hoped to answer the question about why we need this third device, or how it’s better than a netbook, he didn’t make a compelling case.
Diese Aussage aus einer Reihe an schnellen Kommentaren auf Engadget kann ich demnach nicht ansatzweise nachvollziehen. Möglich dass Pages, Numbers und Keynote nicht die Killer-Applikationen des iPad werden – so sexy sind Tabellenkalkulationen eben nicht. Aber diese drei Applikationen zeigten am deutichsten das Potential, das iPhone OS 3.2 schon jetzt der iPad-Hardware entlocken kann. Die Größe des iPads erlaubt die neuen “Popovers”, die einen Anflug von Fenstermanagement darstellen, ohne Fenster zu sein. Eine elegante und intelligente Mischung aus Fenstern und Menüs, die der Größe und Fokussierung des Geräts auf einen Task angemessen erscheinen. iWork erlaubt das Erstellen von Dateien völlig ohne Hilfe eines Macs. iWork ist die Emanzipation des iPad, weg vom reinen Companion Produkt hin zu einem eigenständigen Gerät. Dieser Schritt unterscheidet ein iPad von einem “größeren iPhone”. Wer das Potential hier nicht erkennt, unterschätzt die Phantasie der Softwareentwickler, die das iPad wie zuvor schon das iPhone/den iPod touch in ganz andere Einsatzsphären katapultierten, als Apple sich das selbst zu Beginn wohl je erträumt hatte.
For me, in a nutshell, the iPad is a larger screen iPhone with fewer capabilities. It’s not bad — in fact, web browsing is awesome and the device we saw was super fast — but I have no way to justify this in my gadget collection.
Ebenfalls bei Engadget gefunden. “Fewer capabilities”? Weil man damit nicht telefonieren kann? Ansonsten sind die Möglichkeiten unbestritten massiv weitreichender als bei einem iPhone, alleine aufgrund der Größe. Und dass aufgrund der Größe Einschränkungen bei der Mobilität entstehen ist nun einmal unumgänglich. Man muss sich schon entscheiden, was man denn nun will. Wir suchen nach etwas, das größer ist als das iPhone. Und nach etwas, das kleiner ist als ein Notebook. Viele erwarten aber etwas, das gleichzeitig so klein und mobil ist wie ein iPhone und auch so universell einsetzbar wie ein Notebook ist. Das ist nicht nur die Suche nach einem Paradoxon, sondern auch eine Versteifung auf konventionelle Entwürfe. Die unumstößliche Prämisse vieler dieser Kritiker scheint mir zu sein: Alles, was größer als ein Smartphone ist, muss ein PC sein. Mit “vollwertigem OS”, herkömmlichen Applikationen und natürlich: Multitasking.
Das ist wirklich furchtbar. Wenn das Ding hier wirklich ein Netbook-Ersatz sein soll, wie soll das bitte ohne Multitasking funktionieren?
Hier sei grundsätzlich widersprochen. Wer will denn Netbooks ersetzen? Jobs sagte nicht, dass er Netbooks ersetzen wolle. Er meinte, Netbooks seien nicht jenes Produkt, welches die Smartphone-Notebook-Lücke schließen könnten. Au contraire: Netbooks seien nur kleinere Notebooks. Sie machen nichts anders oder gar besser. Es sind kleine Notebooks. Netbooks wird es auch in fünf oder zehn oder 20 Jahren noch geben. Und sie werden dann immer noch kleinere Notebooks sein. Und immer noch keine “dritte Produktkategorie”. Ein iPad ist ein Entwurf einer Nutzungsphilosophie, eines Anspruchsprofils, das genau zwischen existierende Produktkategorien fällt.
Die Vorstellung, dass dieses Anspruchsprofil nun ausgerechnet Multitasking zwingend voraussetzt, ist eine willkürliche, phantasielose Annahme. Kaum jemand hat es so auf den Punkt gebracht wie Steven Frank: (aus dem Zusammenhang gerissen, aber übertragbar)
To get there, yes, we had to throw away some of our investment in hardware. We had to re-think how we did things. It required adjustment. A bit of sacrifice. The end result, I think we can all agree regardless of what platform we use, is orders of magnitude more convenient [...]
Der (momentane) Verzicht auf Multitasking ist ein bewusster Trade-off. Die Überlegung ist, dass auf einer Geräteklasse unterhalb von Notebooks die Fokussierung auf nur eine einzelne Aufgabe mehr Vorteile birgt als die Ermöglichung mehrerer Aufgaben zugleich bzw. dem potentiellen Einsatzverhalten eher entspricht: Man will “schnell mal” etwas machen, ohne viel Aufwand, ohne viel Umstände. Hört sich das nach Multitasking an? Netbooks versuchen es genau andersherum. Sie versuchen den herkömmlichen Universalansatz ohne jede Anpassung auf einen deutlich verkleinerten Maßstab zu übertragen. Aus genau dieser Haltung heraus aber gibt es MP3-Player, die nicht größer sind als ein iPod shuffle, aber immer noch ein Display haben. Das zeigt auf zwei Zeilen irgendwelche Informationen an, die man kaum sinnvoll verwerten kann. Die immer noch vorhandenen Knöpfe bieten Mehrfachfunktionen, um möglichst die gleiche Funktionalität abzubilden, die viel größere Geräte üblicherweise bieten. Ein shuffle hingegen bricht vollständig mit dem erfolgreichen Konzept größerer iPods und setzt auf ein radikal einfacheres – und beschränkteres – Konzept. Dies ist ein fundamentaler Philosophieunterschied. Gehe ich von einem Funktionsumfang aus und bilde diesen in jedem Maßstab unverändert ab, oder wäge ich jeweils aufgrund von Form, Größe und/oder Einsatzspektrum das sinnvoll nutzbare Funktionsmaß ab.
Aus letzterem Ansatz ergeben sich recht scharfe Grenzen. Das iPhone ist klein genug, um mobil zu sein, aber groß genug, um bedienbar zu bleiben (die Größe des Durchschnittsfingers definiert de facto die Mindestgröße der UI und daher auch des gesamten iPhones). Will ich auf diesem Gerät E-Mail nutzen? Natürlich. Will ich iWork nutzen? Niemals. Alleine die Größe erzeugt logische Grenzen des Funktionsumfangs. Von oben her ist die Grenze eines Notebooks etwa die Größe einer vollwertigen Tastatur. So wichtig, wie etwa Verfechter von “echten” Tastaturen das Vorhandensein einer solchen auch an winzigen Mobilgeräten erachten, sollte diese Grenze eigentlich selbstverständlich sein. Ein Universal-Computer muss eine vollwertige Tastatur mit vollwertigem Mausersatz bieten. Auf beidem fußt die Schreibtisch-Metapher, nach der alle unsere Computer funktionieren. Ohne nur eines von beidem kann ein Computer in vollem Umfang nicht funktionieren. Wenn dem so ist: Warum sollte man bei einer Verkleinerung und dem damit verbundenen Wegfall oder zumindest der Einschränkung eines dieser Eckpfeiler also a) noch an dieser Form der Eingabe und b) am vollen Funktionsumfang des Universalcomputers festhalten?
iPad ist das erste Gerät, das demzufolge einen Kompromiss eingeht. Tastatur und Mausersatz sind nicht mehr sinnvoll/vollwertig abzubilden. Multitouch ist die Lösung, die in diesem Umfeld sinnvoll erscheint (hingegen wenig sinnvoll wäre bei einem Computer mit vorhandener Tastatur und Maus). Multitouch hat zudem den Charme einer sehr viel direkteren Bindung zum Geschehen auf dem Gerät. Die Größe des Geräts macht jedoch die Schreibtisch-Metapher mit seinen schwebenden Fenstern, Menüleisten etc. ineffizient. Die iPhone UI ergänzt um jetzt mögliche Erweiterungen wie z. B. split views und popovers stellt eine reduzierte und genau deswegen sinnvoll nutzbare Alternative dar. Und wir reden hier über Erweiterungen einer .2-OS-Version. Möchte jemand wagen zu spekulieren, was mit OS 4 möglich sein wird?
iPad bedarf noch vieles an Vorstellungskraft (die, entschuldigung, vielen der Kritiker erschreckend umfassend abzugehen scheint), was damit möglich sein könnte – erst das Vorhandensein an gut angepasster Software wird das Potential augenscheinlich machen. Und dann wollen wir einmal sehen, ob es nicht zunehmend heißt “das, was ein Netbook kann, kann doch aber ein iPad genauso”. Das Vorhandensein von verkleinerten Notebooks könnte eher infrage gestellt werden denn das Dasein des iPad. Nicht weil ein iPad das bessere Netbook ist. Sondern weil ein iPad eine eigenständige Gerätekategorie ist, mit einem schlüssigen Funktionsumfang und Bedienkonzept. Netbooks sind nur verkleinerte, beschränkte Kopien von Notebooks, deren tatsächlicher (=sinnvoll nutzbarer) Funktionsumfang nicht über den eines iPad hinausgeht. Stephen Fry:
This is a different order of experience. The speed, the responsiveness, the smooth glide of it, the richness and detail of the display, the heft in your hand, the rightness of the actions and gestures that you employ, untutored and instinctively, it’s not just a scaled up iPhone or a scaled-down multitouch enhanced laptop – it is a whole new kind of device. And it will change so much.
[...] myalterego » Die meist unterschätzte Revolution. EVAR. [...]