Es gibt ein Problem mit Ihrem Google-Profil
Naja, Google, genau genommen hast nur du ein Problem, und zwar mit meinem Namen. Dr Watson
entspricht nicht deinen Vorstellungen, wie ich im richtigen Leben hauptsächlich gerufen
werde. Und du hast recht: Noch nie hat mich im Büro, zuhause oder im Biergarten jemand ernsthaft mit DrWatson angesprochen (nur echt übrigens in CamelCase-Schreibweise). Wenn es das ist, was du mit ‘richtigem Leben’ meinst. Weder besitze ich einen Doktortitel, noch steht ‘Watson’ in meinem Personalausweis.
Unrichtiges Leben?
Dass ausgerechnet du, Google, das ‘richtige’ Leben anscheinend vom ‘unrichtigen’ Leben so trennst, verwundert mich nach wie vor. Stelle ich mir doch Google als einen Auswuchs des Nerd-Klischees schlechthin vor. Einen Schlag von Menschen, denen das Konzept einer, nennen wir es einmal ‘Netzidentität’ geläufig sein sollte. DrWatson ist meine Netzidentität, ist es schon immer gewesen. Seit ich mich das erste Mal in einen IRC-Knoten eingeloggt habe und ich einen Namen wählen musste. Schwer vorstellbar, dass zu jener Zeit auch nur irgendwer auf die Idee gekommen wäre, seinen echten Namen anzugeben. Warum auch immer das so war (‘Cyberworld’-Filme, Hacker-Phantasien?), nicht nur war das Wählen eines Pseudonyms das Normalste von der Welt, sondern auch die Tatsache, dass das Netz – oder zu dieser Zeit genauer gesagt IRC – für mich der Zugang zu mir ansonsten völlig fremden Menschen war, die ich ansonsten niemals hätte kennenlernen können (wenn man so weit gehen will, es ‘kennenlernen’ zu nennen).
Diese ‘frühkindliche’ Prägung, das Nutzen eines Pseudonyms und die Kommunikation mit Menschen, die mir nicht persönlich bekannt sind, bestimmen bis heute meine Netznutzung. Das Aufkommen von sozialen Netzen, in denen sich auf einmal Menschen tage- und nächtelang ‘unterhalten’, obwohl sie sich gerade noch von Angesicht zu Angesicht gegenübersaßen, ist eine Phase, die an mir vorübergegangen ist. Und mir entsprechend fremd blieb. ‘Klarnamen’ im Netz? Eine geradezu weltfremde Vorstellung.
Ich habe keine Angst davor, dass der BND daraufhin an meiner Tür klingelt, mein Chef (bin ich eh selbst) mich rauswirft oder alle Spambots der Welt sich ein schönes Profil bilden – für die ist letztlich ein ‘Klarname’ so wenig identitätsstiftend wie ein Pseudonym, da er nicht einmalig ist. Mir ist die Verwendung nur einfach völlig fremd und schlimmer noch: auch nicht Sinn stiftend. Während das Pseudonym wenigstens einer Handvoll Menschen etwas sagt, so hilft mein ‘Klarname’ weit weniger Menschen weiter. Insbesondere sind die Kreise (um mal im Google-Jargon zu bleiben) völlig andere: Es gibt beinahe keine Schnittmenge, die sowohl Pseudonym als auch Klarname kennen. Ob meiner Netznutzung nur logisch: Ich kommuniziere (hauptsächlich) mit mir fremden Menschen. In der Regel auch über Themen (Techkram), mit denen ich z. B. in meiner Familie eher befremdlich wirken würde. Demnach ist auch das Bilden einer solchen Schnittmenge weder für mich noch Menschen in meinem Umfeld von irgendeinem Interesse.
Was macht einen Namen echt?
Neben diesem, zugegebenerweise nur äußerst individuell gültigen Zwiespalt, frage ich mich jedoch auch, woher denn eigentlich diese Fixierung auf den Klarnamen kommt – insbesondere wenn dieser nicht überprüft wird. Würde ich nun also in mein Google-Profil “Hermann Müller” eingeben, welches nicht mein Name ist, aber wie ein echter Name klingt – dann darf ich wieder mitspielen? Der falsche Name wäre exakt so hilfreich wie mein echter. Und Google gewinnt genauso wenig, wäre aber zufrieden. Wird das Netz zu einem besseren Ort, wenn statt (man verzeihe mir die Nutzung real existierender Nicknames) ’tischnachbar’ und ‘Lichtschutzfaktor’ ein ‘Hermann Tischler’ und ‘Manfred Lichtgriebler’ (Namen frei erfunden und nicht zu den Nicknames gehörend) unter einem Kommentar steht? Es will mir nicht einleuchten.
Es gibt noch weitere Aspekte, die mir ‘Klarnamen’ suspekt erscheinen lassen, die damit zusammenhängen, dass ‘Klarnamen’ auch zu einer Gewichtung an Aussagekraft und Wahrheitsgehalt führen, die so nicht zulässig ist. Aber das würde an dieser Stelle zu weit führen, auch kann ich das selbst (jetzt, noch) nicht in passende Worte kleiden.
Dein Wohnzimmer, deine Regeln
Eine Identität wird nicht durch einen Namen erschaffen. Sie wird durch Wiedererkennbarkeit geschaffen. Aber was rede ich mir den Mund fusselig (zudem schon genügend Menschen in genügend Artikeln in anzunehmenderweise stichhaltigerer Form bereits diesen Standpunkt vertreten haben). Es ist dein Wohnzimmer, also sind es auch deine Regeln. Du willst ‘Klarnamen’. Dass ich damit Schwierigkeiten habe, ist mein Problem. Warum ich damit Probleme habe, ist erst recht mein Problem. Sehe ich mir die letzten Wochen auf Google+ so an, ist der Dienst ja nun auch (noch?) keine Sache, ohne die mein (Netz-)leben nicht auskommen könnte. Und freundlicherweise hast du mir auch ein paar Tage Zeit gegeben. Mal sehen.
Dr Watson würde ich unter seinem Klarnamen gar nicht kennen. Weiss doch jeder, oder? :-)
Wenn ich auch noch ein ‘Klarfoto’ angeben müsste, vielleicht will mich dann auch gar keiner mehr erkennen ;)
google ist das doch alles scheissegal. ich werde privat wie im netz herr kaschke genannt. herr kaschke steht hinter meinen arbeiten die ich mache. herr kaschke steht im wikipedia auf meinen visitenkarten und in meinem pass und auch nachdem google mich bereits im juli geprüft hat und mit eine mail geschrieben hat das mein name “herr kaschke” ihrer policy entspricht, hindert sie das nicht daran mich jetzt erneut damit zu nerven und erneut mein profil sperren zu wollen…. google ist nicht der staat und keine passkontrollstelle.
Yep, abgesehen davon, dass Googles Klarnamenpolitik Pseudonyme und Künstlernamen in einen Topf mit Nicknames (wie dem meinen) wirft, ist Googles Überprüfungs- und Sperrmechanismus mehr als unausgegoren. Und sichtlicherweise funktioniert nicht einmal ein whitelisting, sollte man einmal der Sperrung entronnen sein. Wenn der eine Bot nicht weiß, was der andere Bot tut. *kopfschüttel*