Da stellt Apple einen Nachfolger zu einem *hüstel* moderat erfolgreichen Web-Dienst vor und die Welt dreht durch. Meine Eindrücke speisen sich zugegebenerweise aus überschaubaren Quellen. Was ich zur iCloud weiß, weiß ich von der WWDC, dem kürzlichen iPhone-Event sowie in der Zwischenzeit aus zahlreichen Podcasts. Was die konventionelle Presse daraus gemacht und welche Erwartungen sie (anscheinend) geweckt hat, ist mir nur indirekt durch die Konfusion nach der Umstellung, die sich in Foren ablesen lässt, bekannt. Es scheint jedoch unwahrscheinlich, dass ich ausgerechnet in ein Nest an iCloud-Nichtverstehern gestolpert bin. Es herrscht schon ein ungewöhnlich hohes Maß an Verwirrung. Selbst will ich mich gar nicht ausnehmen.
It just works.
Dass es zur Freischaltung an allen Ecken rumpeln würde, war klar (sollte klar gewesen sein – so manche Nutzerreaktion lässt auch daran zweifeln). Ob der Dienst selbst also tut, was er tun soll, wird sich noch zeigen müssen. Aber damit die Aussage zutrifft, muss ja auch noch eine weitere Komponente mitspielen: der Nutzer. Wenn man sich die Reaktionen so durchliest, steht dort selten geschrieben Meine Kontakte werden nicht mehr synchronisiert, alles ist weg!
, vielmehr türmen sich Fragen, ob in dieser oder jenen Konstellation etwas so oder so funktioniert. Es ist nicht der Dienst, der nicht funktioniert. Es sind die Benutzer, die nicht wissen, wie und ob er funktioniert – oder gar was der Dienst eigentlich ist.

Es wäre einfach zu sagen, dass Apple nicht dafür verantwortlich sein könne, dass der Fehler offensichtlich vor dem Bildschirm sitzt. WWDC, iPhone Event und auch Podcasts darf man als zählbare Informationsquelle für die Masse an Kunden wohl streichen. Primär wird der interessierte Kunde – wenn überhaupt – auf apple.com Informationen suchen. Man könnte an der Beschreibung, was denn die iCloud nun ist (und was sie nicht ist), meiner Meinung nach einiges kritisieren. Aber darauf will ich nicht hinaus. Die iCloud ist kein isoliertes Produkt, das auf einmal in die Realität ploppt. Die meisten Kunden haben bereits etwas sehr ähnliches im Einsatz: Mobile Me.
Wie oft wird Mobile Me auf den iCloud Promo-Seiten erwähnt? Kein einziges Mal. Gleiches gilt für das derzeit wahrscheinlich noch mehrheitlich eingesetzte Betriebssystem. 10.6 wird kein einziges Mal erwähnt. Während iOS 5 zahlreich erwähnt wird, muss man selbst nach 10.7 lange suchen. Einmal wird es erwähnt:
Auf jedem neuen Gerät von Apple.
iOS 5 ist auf jedem neuen iPhone, iPad und iPod touch installiert. Und OS X Lion auf jedem neuen Mac. Das heißt, alle neuen Apple Geräte, die du kaufst, sind direkt nach dem Auspacken bereit für iCloud.
Der Uprade Path
Apple beschreibt gewohnt blumig, wie toll und schön die Welt mit iCloud ist. Aber sie verpassen es, den Benutzer abzuholen, wo er wahrscheinlich ist: in einer ungewohnt inhomogenen Umgebung aus Rechnern mit 10.6 und 10.7 sowie iOS-Geräten mit iOS 4 und iOS 5. Mit Mobile Me, ohne Mobile Me, mit Apple ID, mit mehreren IDs, mit Familien-Accounts etc. pp. Besonders wenig hilfreich ist hierbei ausgerechnet das einzige Dokument, das sich mit dem Übergang von Mobile Me zu iCloud auseinandersetzt: Fragen und Antworten zum Übergang von MobileMe zu iCloud. Hier werden zwar einige wichtige Fragen beantwortet, Apple umgeht jedoch einen entscheidenden Punkt: Was ist denn eigentlich, wenn ich ein iPhone mit iOS 5 habe und einen Rechner mit 10.6.
Und das ist nur ein Beispiel einer (nicht unüblichen) Kombination, deren Auswirkungen Apple nirgends kommuniziert. Dass iCloud mit 10.7 und iOS 5 funktioniert ist eben keine glasklare Aussage, dass es mit 10.6 und iOS 4 (oder anderen Kombinationen) nicht funktioniert. Happy communications one-on-one, dass man negative Aussagen stets zu vermeiden hat.
Mit gesundem Menschenverstand, möchte man meinen, ließe sich dennoch jeder Tumult noch vermeiden. Man muss ja nicht sofort zur iCloud wechseln. Auch wenn Apple einen geradezu dazu verführt. Aber It just works
verbunden mit lapidaren Aussagen und kleingedruckten Einschränkungen sind vielleicht doch keine ausreichende Kommunikation in einer überraschend komplexen Umgebung. Möglicherweise hat Apple sich und seinen Kunden mit drei Umstellungen zugleich (OS X, iOS und iCloud) etwas viel zugemutet. Angenommen, der iCloud-Launch hätte erst in einem halben Jahr stattgefunden – ein größerer Teil der Kundschaft hätte sich mit den 10.7- und iOS-5-Updates arrangiert und alle Geräte auf einen Stand gebracht. Man könnte sich dann in Ruhe auf die Umstellung Mobile Me > iCloud konzentrieren. Es würde sich nur eine Komponente in einem einigermaßen homogenen Umfeld verändern. Derzeit ändern sich gleich drei Komponenten in einem inhomogenen Umfeld. Das ist gerade im Apple Umfeld sehr selten. Wahrscheinlich aus guten Gründen.
Keiner ist Schuld und nichts ist kaputt
Hier soll keine Klage geführt werden. Keiner ist an etwas Schuld. Apple hat einen Dienst eingeführt, der von anfänglicher Überlastung abgesehen prinzipiell zu funktionieren scheint. Was der Dienst kann und was nicht, ist hinreichend erklärt. Es wird einem nichts genommen, und man muss nichts ändern. Wer besonnen auf das Angebot blickt, wird seinen Weg finden. It just works
hingegen ist anders. 10.6 von der iCloud auszuschließen (zumindest vorerst) scheint mir ein unnötiger Stolperstein – ein 10.6.9 mit iCloud-Konnektivität hätte wahrscheinlich 90% aller Entrüstung und Verwirrung beseitigt. Dass die Chance vergeben wird, endlich diverse IDs zu einer Apple ID verschmelzen zu können, ist das eigentliche Versäumnis, über das ich mich aufzuregen vermag.
Ich frage mich langsam, ob man in einigen Jahren auf die jetzige Zankerei zwischen Apple und Adobe zurückblicken und sagen wird: Schau, damals war das, da hat Firma X so richtig ins Klo gegriffen. Sonst gäb’s die heute noch. Es wird wahrscheinlich nicht gar so dramatisch ausfallen. Aber wer von beiden “Firma X” sein wird, vermag ich nicht zu sagen. Es würde mich allerdings wundern, sollte es Apple sein.
Mittlerweile sprechen wir eigentlich von zwei verschiedenen Dingen, die Steve Jobs mit seinen Thoughts on Flash interessanterweise in einen Topf geworfen hat. Zum einen geht es um die (Nicht-)Verfügbarkeit von Flash – also einem Flash-Player – auf iPhone OS. Zum anderen um die Änderung der Section 3.3.1 des iPhone SDK, wodurch Middleware und Cross-Compiler (wie die Exportfunktion von Flash CS5) zur Erstellung von iPhone-Applikationen untersagt werden. In beiden Punkten hat meines Erachtens weder der eine (Apple) noch der andere (Adobe) recht. Beide habe unterschiedliche Standpunkte, die für sich genommen mal mehr, mal weniger zutreffend, insgesamt aber völlig legitim sind. Einen Kompromiss macht das aber nur umso unwahrscheinlicher.
Was einen Flash-Player – und den Sinn eines solchen – angeht, hat langfristig wohl Apple die besseren Karten, selbst wenn Flash heutzutage wirklich allgegenwärtig ist, wie Adobe nicht müde wird zu betonen. Aber z. B. Videowiedergabe per Flashplayer – das braucht wirklich niemand, gerade wenn zunehmend auch in einem Flashplayer ein H.264-Video steckt. Noch kann Adobe hier auf das Hickhack um den Codec der Wahl des Video-Tags in HTML 5 bauen, aber das wird spätestens mit dem Erscheinen von IE9 ein Ende haben. Selbst so ist es schon wesentlich sinnvoller, ein H.264-Video standardmäßig per Video-Tag einzubinden und einen Flashplayer nur als Fallback einzuplanen. Wenn man Flash zur Videowiedergabe aus der Gesamtverbreitung herausrechnet, wieviel Flash bleibt dann tatsächlich noch übrig?
Oh ja, natürlich, Flash für tolle, aufwändige Webseiten – wie etwa den unsäglichen Adobe Onlinestore. Nichts, aber auch rein gar nichts an diesem Onlinestore ist so “kompliziert”, als dass man es nur in Flash realisieren könnte. Im Gegenteil – in einem herkömmlich programmierten Store könnte man vielleicht wenigstens sein Maus-Scrollrad zum Scrollen verwenden! Es sind Seiten wie diese, die “Wuäch, Flash, geh weg”-Schubladen entstehen lassen.
Und da wäre noch die Werbung. Landet oft in der oben genannten Schublade. Wie schreibt aber Mike Davidson sehr schön:
When most people speak ill of Flash, they are actually speaking ill of ads.
Und weiter:
When Flash is gone, this overly aggressive marketing will simply be foisted upon you using more “open” technologies like HTML5. And guess what? It’ll be harder to block because it looks more like content than Flash does.
Auf den Trichter wenn Werbetreibende wirklich kommen, dann verliert Flash schneller an Verbreitung als Adobe “wtf” sagen kann. Solange Klicks bezahlt werden, gewinnt die Form der Darstellung, die schwieriger geblockt werden kann – denn nur nicht geblockte Inhalte können auch geklickt werden. Klicks bringen demjenigen Geld, der die Werbung auf seinen Seiten zulässt und bringen demjenigen Geld, der die Werbung schaltet. Letzterer muss vielleicht anfangs mehr Geld ausgeben, um HTML5-Ads zu erstellen – aber wenn unterm Strich mehr zu Buche steht, kann man sich sicher sein, wohin die Reise geht.
Natürlich lässt sich Flash aber nicht so leicht von der Bildfläche wischen, wie Jobs das in seinen Thoughts on Flash tut. Nicht nur er redet von HTML 5, CSS3 und JavaScript so, als wäre das Erstellen hochkomplexer Screendesigns damit ein Kindergeburtstag und als hätte es das Problem unterschiedlicher CSS-Interpretationen durch verschiedene Browser nie gegeben. Und dennoch bleibt letztlich Adobes größtes Manko: Es gibt keinen (aktuellen) Flash Player für aktuelle Mobilplattformen. Der ewig angekündigte und nun wirklich bald kommende Player 10.1 muss seine Leistungsfähigkeit erst noch unter Beweis stellen. Dafür, dass Adobe als Hersteller sowohl der Technologie als auch der größten Authoring-Tools dafür verständlicherweise auch die Zukunft flashfarben sieht, steckt der Konzern erstaunlich wenig Ressourcen in die Anpassung der Technologie an die (vermeintliche) Plattform der Zukunft. Das iPhone existiert seit 2007, ernst zu nehmende Alternativen sind auch schon lange genug erhältlich – nur eben kein performanter Flash Player dafür. Ob Apple sich nun sträubt oder nicht – dann sperre ich eben eine Handvoll Adobe-Entwickler mit einer Schubkarre voller iPhones und einem Schraubenzieher solange ein, bis sie – mit welchen Mitteln auch immer – einen Flash Player präsentieren können, der Jobs aus dem Sessel wirft. Und wenn der immer noch nein sagt, mache ich dasselbe mit einem Nexus One. Spätestens wenn auf der Konkurrenzplattform ein Flash Player ohne die bemängelten Akku- Stabilitäts- und Sicherheitseinbußen verfügbar ist, fällt Apple um. Dass dies nicht passiert, legt den Schluss nahe, dass Adobe entweder einen Trend verschlafen hat oder der Flash Player eine solche Entwicklungsstufe – bislang – einfach nicht erreichen kann.
Aber all das ist nur die eine Seite des Gezänks. Die andere betrifft das Verbot von Middleware/Cross-Compilern zur Erstellung von iPhone Apps und damit den Ausschluss des gerade fertig gestellten Flash CS5. Zu Sektion 3.3.1 und der Sinnhaftigkeit aus Apples Sicht gibt es eine Reihe guter Artikel, etwa dieser von Louis Gerbarg:
What Apple does care about is their ability to control their own development cycles. [...] So, if you will indulge my claim that backwards compatibility is hard (even absent the private API issue) it is pretty easy to see why supporting other runtimes is ceding a lot of control to a 3rd party. Imagine if 10% of the apps on iPhone came from Flash. If that was the case, then ensuring Flash didn’t break release to release would be a big deal, much bigger than any other compatibility issues. Since Apple doesn’t have access to Flash CS5’s runtime library code or compiler frontend, they might be put in a position where they would need to coordinate with Adobe to resolve those issues.
Oder auch dieser hier von John Gruber:
And, obviously, such a meta-platform would be out of Apple’s control. Consider a world where some other company’s cross-platform toolkit proved wildly popular. Then Apple releases major new features to iPhone OS, and that other company’s toolkit is slow to adopt them. At that point, it’s the other company that controls when third-party apps can make use of these features.
Auch Steve Jobs erwähnt diesen Umstand in seinem Pamphlet:
We know from painful experience that letting a third party layer of software come between the platform and the developer ultimately results in sub-standard apps and hinders the enhancement and progress of the platform. If developers grow dependent on third party development libraries and tools, they can only take advantage of platform enhancements if and when the third party chooses to adopt the new features. We cannot be at the mercy of a third party deciding if and when they will make our enhancements available to our developers.
Kurz, Apple will sicherstellen, dass es die Kontrolle über die Entwicklungsumgebung behält, sodass sie Fehler selbst beheben sowie die notwendige Kompatibilität bei eventuellen Plattformänderungen selbst herstellen können und vor allem für die Umsetzung neuer Features nicht auf die Umsetzung in einer Entwicklungsumgebung warten müssen, die sie nicht kontrollieren. Das ist nachvollziehbar und so gesehen auch für uns Konsumenten begrüßenswert. Doch dennoch will sich mir die Legitimität des Arguments nicht ganz erschließen. Denn die Argumentation greift erst, wenn ein signifikanter Teil der verfügbaren Applikationen mit Cross-Compilern (der Einfachheit halber: mit Flash) erstellt wurde. Sichtlicherweise will Apple erst gar nicht das Risiko eingehen, es darauf ankommen zu lassen. Dennoch frage ich mich, ob es so weit kommen würde. Es stehen mehr als 150.000 Apps im AppStore. Nur rund 100 davon sind mittels Flash erstellt – das freilich bis vor kurzem noch nicht offiziell verfügbar war. Aber trotzdem: Die Anzahl der “echten” iPhone Developer ist groß. Die Entwicklungsumgebung ist etabliert – behaupte ich einmal, ohne selbst Entwickler zu sein. Würde gerade Flash einen solchen Impact haben? Es geht ja auch nicht um die pure Anzahl an Apps – man könnte sich vorstellen, dass per Flash vor allem einige Spieleentwickler mit einer einfachen iPhone-Version ihrer Flash-Spiele eine weitere Einnahmequelle erschließen möchten – sondern auch um die Signifikanz dieser Apps. Würden also wirklich für die Plattform wichtige Apps in Flash entstehen? Und wenn durch Metaplattformen nur suboptimale Apps möglich sind, würden die dann nicht entsprechend wenig gekauft?
Selbst wenn doch – es gäbe meines Erachtens eine elegantere Methode, die Integrität der Entwicklungsumgebung zu wahren. Indem man neben dem AppStore weitere Vertriebskanäle für Apps zulässt, zugleich aber die Vorgaben aus Sektion 3.3.1 als Voraussetzung für eine Aufnahme im AppStore aufstellt und Support für andere Entwicklungsumgebungen nicht gewährt. Im AppStore finden sich damit weiterhin nur Apps, die Apples Entwicklungsumgebung erstellt worden sind und Apples Zensurbehö… ähm, App-Zulassungs-Prozess durchlaufen haben. Wer das nicht will, soll sehen, wie er auf ein iPhone kommt. Und soll auch sehen, ob seine Apps noch laufen, wenn Apple das OS aktualisiert. Apple hätte dadurch alternative Entwicklungsumgebungen zwar enorm unattraktiv gemacht, aber sie eben auch nicht verboten. Es wäre leichter als Qualitätssicherungsmaßnahme zu verkaufen gewesen, als es jetzt der Fall ist. Zugleich wäre man (zum Teil) die lästige Diskussion um den AppStore-Zulassungs-Prozess los. Noch einmal Mike Davidson:
In order to get my stuff onto an iPad or iPhone, however, I must receive explicit approval by a human being working for Apple after this human being has manually reviewed my work, derived my intentions for the product, and made a value judgement on what my creation brings to the device. As long as that process exists, there shall be no arguments that the iPhone or iPad are more open than just about anything we’ve ever seen before… including Flash. To claim that because Apple is pushing open standards like HTML5 (really for their own benefit) means they are somehow more open than Adobe is folly.
Der ganze Absatz “First, there’s ‘Open’” in Jobs’ Thoughts on Flash wäre etwas weniger verlogen und Adobes Argumentation über das geschlossene iPhone-Universum würde noch weiter ins Leere laufe als sie das ohnehin schon tut:
If you look at what’s going on now, it’s like railroads in the 1800′s. People were using different gauged rails. Your cars would literally not run on those rails. That’s counter to the web. The ‘rails’ now are companies forcing people to write for a particular OS, which has a high cost to switch. The technology issue I think Apple has with us is not that it doesn’t work, but that it does work. We don’t want to play technology games when Apple is playing a legal game. We’re focusing on everybody else. There’s a huge wave of innovation, there’s going to be a wide range of devices. We’re working through the Open Screen Project. Have over 70 partners working with Adobe on that. There’s a lot of great devices coming out over the course of the second half of this year and next year, going forward. All the innovation coming from all those companies will dwarf what’s coming from that one company that isn’t participating.
Adobe sieht sich hier – um im Bild zu bleiben – als ein Anbieter von Zügen, die auf den bereitgestellten Gleisen fahren können. Doch wenn das auch für ihre Authoring-Tools zutreffen mag, so verschweigt Adobe, dass sie mit Flash defacto selbst auch Gleise verlegen. Das genannte Open Screen Project ist nichts weiter als Adobes Versuch, auf allen möglichen Gleisbetten dieselben Gleise – Flash – zu verlegen. ” All the innovation coming from all those companies” ist nichts anderes als Adobes Innovation. Warum diese größer sein sollte als jene von Apple muss noch bewiesen werden. Der Ansatz der Cross-Plattform-Goodness ist in Java schon früher gescheitert.
Apple hat nicht recht. Adobe hat nicht recht. Adobe geht es nicht um Offenheit. Adobe geht es um die Allgegenwärtigkeit von Flash. Verständlich, doch um diese zu verwirklichen sollten sie sich auf die technische Perfektion der Flash-Plattform kümmern statt der Welt eine Story vom Pferd zu erzählen. Apple wiederum geht es ganz gewiss nicht um Offenheit und somit auch nur peripher um Flash. Sie wollen die Plattform in einem sich erst entwickelnden Markt zementieren und kontrollieren. Apple hat traditionell eine definierte Vorstellung, wohin die Reise geht. Ein Flash-Zug fährt dort zufällig nicht hin. Dass eine signifikante Zahl an Menschen sich auch andere schöne Orte vorstellen kann (wohin mitunter auch ein Flash-Zug fährt), nimmt Apple in Kauf. So wie sie auch in Kauf nehmen, dass sie mit einem iMac auch nicht 100% aller Computernutzer gewinnen. Aber der iMac ist zu 100% das, was Apple unter einem Desktop versteht. Und so ist das iPhone-Ökosystem momentan so, wie Apple es am zielführendsten sieht. Wenn es helfen würde, würde Apple auch vorschreiben, dass Entwickler auf einem Bein nackig um das iPad hüpfen, während sie Apps entwickeln. Das kann man albern finden. Das sollte man auch albern finden. Nein, Apple hat ganz sicher nicht recht. Aber irgendwas machen sie wohl auch richtig. Deswegen haben sie immer noch nicht recht. Aber sind ziemlich klar im Vorteil.
Vor einigen Jahren legte Apple das “Computer” im Firmennamen ab – Zeichen eines “neuen” Apple, dessen Geburt nachträglich relativ einfach zu datieren ist: Ende 2001 verkaufte Apple erstmals ein kleines Gerät namens iPod. Im Januar 2002, vor etwas mehr als acht Jahren, präsentierte Apple die Quartalszahlen für das Weihnachtsquartal 2001, mithin also die ersten Quartalszahlen “mit iPod”. Damals vermeldete Apple einen Gewinn von 38 Millionen Dollar (11 Cent je Aktie) und verkaufte 746.000 Rechner. Den iPod konnte Apple 125.000-mal an den Mann bringen und etwa 800.000 Menschen verirrten sich in einen Apple-Store. Die Aktie torkelte um die 20 Dollar.
So startete The New Apple. Und ist heute bei 3,38 Milliarden Dollar Gewinn angekommen, beinahe 90-mal (neun-zig-mal) so viel wie vor acht Jahren – 3,67 Dollar je Aktie, von der heute jede (trotz 2:1-Split 2005) mehr als 200 Dollar wert ist. Mit fast 170-mal mehr verkauften iPods (20,9 Millionen) haben diese ihren Zenit sogar schon wieder leicht überschritten (außer man zählt noch fast 9 Millionen iPhones hinzu). In Apple Stores zählte man in drei Monaten über 50 Millionen Menschen. Und Apples “Barreserven” sind mit rund 40 Milliarden Dollar beinahe 10-mal so hoch, oder anders ausgedrückt: Seit dem Verkauf des ersten iPods konnte Apple diesen Posten (im Schnitt) jedes Jahr um mehr als den Betrag aufstocken, den sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt besaßen.
Und in zwei Tagen steht der nächste vermeintlich große Wurf an, immerhin will TechCrunch, so man dem Glauben schenken mag, “aus zweiter und dritter Hand” gehört haben, Steve Jobs habe gesagt, das Tablet …
Will Be The Most Important Thing I’ve Ever Done.
Ob in weiteren acht Jahren der Januar 2010 als Beginn eines new new Apple gesehen werden kann? Oder gar der Beginn einer new computing era? Hmm. Eine neue Ära sah im iPod oder gar in Apple damals niemand. Die versprach seinerzeit – wenn auch auf anderem Gebiet als heute eben “The Tablet” – eher ein ominöses, lange geheimnisumwittertes “IT”, das “Ginger” – besser bekannt als Segway. Ein gewisser Steve Jobs sagte damals:
If enough people see this machine, you won’t have to convince them to architect cities around it; it’ll just happen.
Das Wall Street Journal hat sich in der letzten Woche mit zwei Artikeln (hier und dort) reichlich weit aus dem Fenster gelehnt. Eingedenk des Rufs der Zeitung ist es also zumindest nicht abwegig, dass viele der in diesen Artikeln erwähnten Details der Wahrheit nahe kommen – auch wenn sie ganz sicher nicht das gesamte Spektrum von Apples Plänen abdecken.
Wenn man insbesondere den Ausführungen im zweiten Artikel, “Apple Sees New Money in Old Media”, Glauben schenkt, so dürfte “The Tablet” tatsächlich eher ein iPhone/iPod touch artiges Gerät sein – also ein eher passives Gerät zum Medienkonsum. Nimmt man dies einmal als Grundlage für wilde Spekulationen, dann fällt The Tablet als wichtigstes Spekulationsobjekt eigentlich schon aus – wer auf das iPhone als Basis aufbauen kann, kann gar nicht so daneben langen. The Tablet steht und fällt definitiv mit dem verfügbaren Inhalt.
Es wäre aber wohl kaum damit getan, nun via iTunes Store auch E-Books zu verkaufen. Damit wäre The Tablet kaum mehr als ein um Kindle-Fähigkeiten aufgemotzter iPod – für kolportierte (bis zu) 1000 Dollar?Das kann man wohl sicher ausschließen. Ebenso kann es nicht der Stein der Weisen sein
e-books enhanced with video, author interviews and social-networking applications
als die nächste heiße Scheiße anzubieten, insbesondere, wenn diese “enhanced” E-Books nur dem Zweck dienen, den durch Amazon forcierten Preis von 9,99 Dollar für E-Book-Bestseller wieder in die Höhe zu treiben. Sollte sich Apple vor den Karren spannen lassen, alberne Verlagsträumereien von maximiertem Profit salonfähig zu machen, haben sie die Produktionskapazität für das Tablet hoffentlich ausreichend niedrig kalkuliert.
Dabei ist unbestritten, dass die Kombination aus digitalen Büchern, umfangreichem Store und einem eleganten Gerät eine Menge Potential bietet. Der Bildungsbereich z. B. schreit geradezu nach einer Evolution. Seit wie vielen Jahren liegen Fachbüchern nun schon DVDs mit Übungsbeispielen bei? Und seit wievielen Jahren verrotten diese DVDs (wenn sie verrotten könnten) schon im Buch, weil die parallele Handhabung von Buch und DVD grottig ist? Seit wievielen Jahren werden Fachbücher einmalig angeschafft und dann bis über jede Haltbarkeit hinaus benutzt, weil eine Aktualisierung die Mittel übersteigt? Aktuelles, sich veränderndes, entwickelndes Wissen, das der Interaktion bedarf, auf tote Bäume zu drucken, ist genau betrachtet grotesk. Aber wo sind die Verlage, die neue, innovative Angebote schaffen? Warum kommt die Initiative nicht schon lange von den Inhalte-Erzeugern selbst? Stattdessen muss man sich solch hanebüchenen Unsinn wie enhanced E-Books mit social networking capabilities anhören? Damit man auf Knopfdruck sehen kann, wer noch alles dieses Buch liest? Wenn das nicht vielmehr dem Zweck dient, Leser-Profile anzulegen, um bessere Werbung schalten zu können. Nein danke, das ist altes Denken aus einer zur Evolution unfähigen Branche.
Interessant ist in wenigen Tagen also fast schon weniger, was Apple schönes geschaffen hat als vielmehr, in welcher Weise und welchem Umfang Apple Bewegung in einer zutiefst verkrusteten Industrie wird verursachen können. Die zeitnahe Verfügbarkeit der finalen Staffel von LOST auch im deutschen (interessanterweise aber NUR im deutschen, nicht z. B. im AT- oder CH-) Store ist vielleicht ein Anzeichen sich ändernder Bedingungen, die bislang nicht absehbar waren.
Vor wenigen Wochen noch hätte ich vehement verneint, dass Apple in absehbarer Zukunft ein tablettartiges Gerät vorstellt, nun glaube ich im allgemeinen Rumor-Wahn (nur ein letzter, willkürlicher Link von vielen) selbst daran und bin auch schon gespannt. Die Skepsis ist jedoch weiterhin dieselbe. Denn was ich in allen Gerüchten noch nicht gelesen habe, ist: Wozu wird es da sein, warum kommt es jetzt und weshalb sollte gerade Apple das Patentrezept gefunden haben?
So viel Apple-Gläubigkeit muss gestattet sein: Wenn nicht Apple, wer dann? Andere Hersteller mit Visionen sind rar gesät. Man braucht keine Visionen, um Erfolg zu haben, das ist richtig. Ergo suhlen sich Beliebigkeitshersteller wie Acer, Asus und wer noch alles im oberflächlichen Erfolg der Netbooks, die hohe Stückzahlen bei minimaler Marge garantieren, aber die eine Frage nicht beantworten: Wozu diese Geräte? Netbooks in ihrer bisherigen Ausgestaltung sind ein bloßes Abbild technischer Machbarkeit, die ein Marktbedürfnis bedienen, von dem weder Hersteller noch Konsumenten (!) genau wissen, wie es eigentlich aussieht. Denn dass Konsumenten nach schepprigen 200-Euro-Klapptäschchen fragen, deren inhaltliche Konzeption (Software, Bedienung) sich in keinster Weise vom heimischen Aldi-Desktop unterscheidet, kann und will ich nicht glauben.
Ja, es gibt eine Nachfrage nach etwas, das größer als ein Handheld/Mobile Phone ist und kleiner als ein Notebook. Aber der Konsument ist in einer Zeit des konsumistischen Überflusses nicht ausgerechnet der kreativste Nachfrager. Er weiß erst, was er will (oder nicht will), wenn er es angeboten bekommt. Und greift sich am Markt das, wovon er glaubt, dass es dem am nächsten kommt, was er glaubt zu wollen. Die Hersteller wiederum stellen her, was sie können. Heutige Netbooks sind nichts weiter als die Schnittmenge, die sich daraus zufällig ergibt.
Daher sehnen sich viele nach The Tablet. Nach “The Answer”. Nach dem Produkt von Apple, das uns sagt, was wir denn wollen. Oder damit wir etwas in Händen halten können, von dem wir dann sagen können: “Ja, genau, das ist es, so wollte ich das haben.” Warum alle diese Hoffnung, diese Erwartung ausgerechnet auf Apple projizieren sei dahingestellt. iPod und iPhone sind wohl solch herausragende Beispiele für Produkte, die beim Konsumenten genau jenes “Ja so wollte ich das haben”-Erlebnis hervorrufen, dass in Ermangelung eines anderen kompetenten Herstellers alle Erwartung sich auf Apple konzentriert. Dass es überhaupt eine Erwartung gibt, und dass sie sich derart auf Apple konzentriert, ist der beste Beweis dafür, dass es eine Nachfrage gibt, die bislang zu vage, zu unausgesprochen, zu unbewusst vorhanden ist, als dass es auf dem Markt ein Produkt gäbe, das sie befriedigen könnte. Und das heißt explizit nicht, dass es technisch nicht vorhanden wäre. Es bedeutet vielmehr, dass es noch kein Bedienkonzept gibt, das die Konsumenten glücklich machen würde. Die Hoffung auf The Tablet ist die Hoffung auf “das große Ganze”, die Philosophie hinter dem Produkt, welche einer technisch lösbaren Aufgabe jenen Flair, jenen Enthusiasmus, jenen Sinn verleiht, der uns diese Aufgabe mit Freude an der Sache erledigen lässt. MP3s hören war auch schon vor dem iPod möglich, aber es hat nie so viel Spaß gemacht. Musik kaufen ist keine neue Erfindung, klappt aber vor allem im iTunes-iPod-Universum als Erfahrung. You get the idea.
Bleibt immer noch die Frage, warum ausgerechnet Apple ausgerechnet jetzt die Antwort haben sollte. Apple betritt nie neue Märkte. Es betritt Märkte, die vorhanden sind, in denen aber (aus Sicht Apples) ein Defizit besteht, welches sie für einen ausreichenden Anteil beheben können. Im nebulösen Bereich der Sub-Notebooks-Above-Handhelds fällt es aber schwer, überhaupt einen klar umrissenen “Markt” auszumachen, noch dazu einen, den man mit einem einzelnen Gerät und einem endlich durchdachten Konzept verbessern (oder überhaupt erst erschließen) kann. Was im Bereich Musik erreicht worden ist in nun mittlerweile fast einem Jahrzehnt ist in anderen Bereichen (Video, Bücher, Magazine etc.) noch nicht einmal ansatzweise vorhanden. Da kann ich gerne von The Tablet als dem ultimativen Medien-Konsum-Gerät träumen, nur wird das weder Apple noch sonst ein Anbieter derzeit liefern können – weil es schlicht an einer brauchbaren Konsumfähigkeit der Inhalte mangelt. Und anders als bei der Musik, die man abseits von (anfangs nicht vorhandenen) MusicStores von der heimischen CD-Sammung auf den iPod laden konnte existiert diese Möglichkeit in anderen Bereichen nur äußerst eingeschränkt (wenn überhaupt).
Nun bin ich ja auch nur ein weiterer dieser unkreativen Konsumenten und harre ebenso hoffnungsvoll der Dinge, die da kommen mögen. Nur frage ich mich, was gerade jetzt ein Apple Tablet bieten könnte, was “den Markt” einmal mehr revolutioniert. Beim AppleTV wäre etwa das Verlangen der Konsumenten schon wesentlich greifbarer. Hier reagiert Apple jedoch überhaupt nicht, ja lässt nicht einmal einen wirklichen Fortschritt erkennen. Und dann soll The Tablet kommen und es richten, dem einen den besseren Kindle, dem zweiten das bessere Subnotebook, dem dritten die ultimative PSP, dem vierten ein hübscheres ModBook, dem fünften den MacBook-Ersatz und dem sechsten das alles zusammen in einem Gehäuse nicht größer als das des iPhones, aber mit 10″-Screen und für unter 500 Euro bescheren?
Ich wage trotz aller Zweifel und Unwissenheit denn doch eine Prognose – ob nun The Tablet schon im Januar vorgestellt wird oder erst viel später: Apple wird, wie das John Gruber auch schon angedeutet hat, etwas vorstellen, was man eher statt eines MacBooks kauft. Apple wird den Einstieg in die Welt der mobilen Computer neu definieren. Ein MacBook, derzeit auffällig stiefmütterlich behandelt, ist derzeit der Einstieg. Ein vollwertiger Computer, mit dem man alles machen kann, der als einziges Gerät dienen kann, das erschwinglich ist (ansonsten wäre ja auch das Air ein Einsteiger, dem fehlt aber die Erschwinglichkeit). Für viele Anwender kann es aber schon zu viel. Das iPhone ist der Beweis, dass man für Surfen, E-Mailen, Musikhören und Videoschauen keinen vollwertigen Rechner braucht. Gleichzeitig dürfte das ein verbreitetes Anwendungsfeld sein. Andererseits ist schon Briefe schreiben für ein iPhone zu hoch. Es ist zu klein dafür, zu ungeeignet. Ebenso ungeeignet, wie ein MacBook für ein kurzes Video zwischendurch ist. Apple wird es schaffen, diese beiden Geräte, diese beiden Konzepte zu etwas zu verschmelzen, das ein Kompromiss einerseits ist (vollwertiger Rechner – x, Handheld + x), andererseits durch die klare inhaltliche und konzeptionelle Ausrichtung eine Geräteklasse begründet, die nachgefragt werden wird. Es ist nicht nur einfach ein Gerät, das etwas weniger kostet als ein MacBook, aber letztlich so viel weniger kann, dass man doch wieder zum MacBook greift, weil dies alles, was The Tablet kann, ja letztlich auch kann. Das Tablet wird eine Anwendbarkeit haben, die für Computer-Einsteiger ausreicht, sogar als einziges Gerät dienen kann, und gleichzeitig die “Casual things” (Musik, Video, Spiele, Medienkonsum) so viel besser benutzbar macht als ein MacBook, dass man es um diese Benutzbarkeit willen einem MacBook vorzieht. Es wird also kein Computer sein. Aber genug Computer, um einen zu ersetzen.
Habe ich den Aufschrei nicht gehört? Oder habe ich ihn nicht vernommen, da er nicht stattfand, da er schon in vergangenen Jahren stattfand, was ich ebenso verpasst habe? Einstmals™ war es eine Entrüstung wert, dass in IKEA Katalogen statt unser aller Obstprodukte gräuliche HP-Kisten posierten, mit einem einzeln sein Dasein dahinfristenden PowerBook auf den hinteren Seiten. Im aktuellen IKEA-Katalog hingegen ist ein HP nur noch weit hinten beim IKEA-Planer erlaubt, und ein schrabbeliges Dell hat sich in eine ebensolche Küche hineingemogelt. Ansonsten glänzt der Apfel, oft in etwas betagterem Modellalter, aus den irrealen schwedischen Modellwohnwelten – und keiner schreit Hurra. Naja, nicht dass der Welt dadurch etwas fehlen würde. Die neuen, jungen Benutzer belastet keine überemotionale Bindung zum Produkt. Die alten Recken sind … alt geworden. Sie nehmen es still nickend zur Kenntnis. Alles andere wäre ja auch albern. War es wohl auch schon immer.
Dr. Eric Schmidt Resigns from Apple’s Board of Directors
Apple-Pressemitteilung vom 3. August 2009. Mit Android und ChromeOS fuhrwerkt Google Apple zuviel auf eigenem Terrain herum. Wer hätte gedacht, dass der vermeintlich nächste OS-Krieg zwischen Apple und Google ausgetragen wird?