Eigentlich gefällt mir Google+, auch wenn ich es eher nutze wie ein Twitter ohne 140-Zeichen-Begrenzung. Mein digitales wie analoges Leben wird durch die Nutzung weder besser noch schlechter. Vor die freie Wahl gestellt würde ich es (offensichtlich) nutzen. Da mir nun aber Google durch die Rauswurf-Androhung aktiv einen Grund gibt, mich zwischen Nutzung und Nichtnutzung zu entscheiden, wähle ich – vorerst – die Nichtnutzung.
Google Profile ist ein Produkt, das am besten mit dem Status “identifiziert” funktioniert. So können Sie sicher sein, dass Sie mit der richtigen Person zu tun haben, und andere können leichter Vertrauen fassen, da sie wissen, dass sich eine echte Person hinter dem Profil verbirgt, das sie sich ansehen. Daher müssen Sie bei Google Profile den Namen verwenden, den Sie auch für gewöhnlich im Alltag benutzen.
Den Schluss, den Google hier zieht, kann und will ich nicht ziehen. Ich habe es ja schon geschrieben: Menschen, mit denen ich auf Google+ in Kontakt treten möchte, können mit meinem Pseudonym eher etwas anfangen als mit meinem echten Namen. Sicher funktioniert der Dienst (jeder Dienst) am besten, wenn ‘man sich sicher sein kann, es mit der richtigen Person zu tun zu haben’. Dass dies einzig und allein durch den echten Namen zu erreichen ist, halte ich für Unsinn.
Ich will meinen tatsächlichen Namen auch gar nicht verbergen. Gerne schreibe ich in mein Google Plus Profil auch meinen echten Namen – sofern dies nur eine Zusatzangabe ist, im Stream jedoch vorzugsweise mein Pseudonym erscheint. Google jedoch will es genau anders herum: Ich soll meinen tatsächlichen Namen angeben und darf unter ‘Weitere Namen’ auch eventuelle Spitznamen (und Pseudonyme) angeben – die aber auch nur dort, sehr weit unten auftauchen. Ehrlich, Google: Da schaut doch keine Sau nach. Das ganze Prinzip der Circles beruht darauf, dass ich bestimme, was wen interessiert, ich bestimme (soll bestimmen), wer etwas lesen kann, und wer nicht. Aber ich kann nicht bestimmen, mit welchem Namen mich meine Zielpersonen am besten erkennen? Das ist absurd.
Deshalb werde ich die Frist einmal verstreichen lassen und sehen, was dann passiert. Denn leider hast du, Google, vergessen, mir mitzuteilen, was denn ein gesperrtes Profil tatsächlich bedeutet. Aber das werde ich ja spätestens übermorgen sehen.
Update: Sperrung schon vollzogen. Einzige Möglichekit, diese aufzuheben, ist die Profiländerung gemäß der Namensrichtlinie. Eine direkte Kontaktaufnahme, bei der man seinen Standpunkt erläutern kann, ist offensichtlich auch nach Sperrung nicht vorgesehen.
Naja, Google, genau genommen hast nur du ein Problem, und zwar mit meinem Namen. Dr Watson
entspricht nicht deinen Vorstellungen, wie ich im richtigen Leben hauptsächlich gerufen
werde. Und du hast recht: Noch nie hat mich im Büro, zuhause oder im Biergarten jemand ernsthaft mit DrWatson angesprochen (nur echt übrigens in CamelCase-Schreibweise). Wenn es das ist, was du mit ‘richtigem Leben’ meinst. Weder besitze ich einen Doktortitel, noch steht ‘Watson’ in meinem Personalausweis.
Unrichtiges Leben?
Dass ausgerechnet du, Google, das ‘richtige’ Leben anscheinend vom ‘unrichtigen’ Leben so trennst, verwundert mich nach wie vor. Stelle ich mir doch Google als einen Auswuchs des Nerd-Klischees schlechthin vor. Einen Schlag von Menschen, denen das Konzept einer, nennen wir es einmal ‘Netzidentität’ geläufig sein sollte. DrWatson ist meine Netzidentität, ist es schon immer gewesen. Seit ich mich das erste Mal in einen IRC-Knoten eingeloggt habe und ich einen Namen wählen musste. Schwer vorstellbar, dass zu jener Zeit auch nur irgendwer auf die Idee gekommen wäre, seinen echten Namen anzugeben. Warum auch immer das so war (‘Cyberworld’-Filme, Hacker-Phantasien?), nicht nur war das Wählen eines Pseudonyms das Normalste von der Welt, sondern auch die Tatsache, dass das Netz – oder zu dieser Zeit genauer gesagt IRC – für mich der Zugang zu mir ansonsten völlig fremden Menschen war, die ich ansonsten niemals hätte kennenlernen können (wenn man so weit gehen will, es ‘kennenlernen’ zu nennen).
Diese ‘frühkindliche’ Prägung, das Nutzen eines Pseudonyms und die Kommunikation mit Menschen, die mir nicht persönlich bekannt sind, bestimmen bis heute meine Netznutzung. Das Aufkommen von sozialen Netzen, in denen sich auf einmal Menschen tage- und nächtelang ‘unterhalten’, obwohl sie sich gerade noch von Angesicht zu Angesicht gegenübersaßen, ist eine Phase, die an mir vorübergegangen ist. Und mir entsprechend fremd blieb. ‘Klarnamen’ im Netz? Eine geradezu weltfremde Vorstellung.
Ich habe keine Angst davor, dass der BND daraufhin an meiner Tür klingelt, mein Chef (bin ich eh selbst) mich rauswirft oder alle Spambots der Welt sich ein schönes Profil bilden – für die ist letztlich ein ‘Klarname’ so wenig identitätsstiftend wie ein Pseudonym, da er nicht einmalig ist. Mir ist die Verwendung nur einfach völlig fremd und schlimmer noch: auch nicht Sinn stiftend. Während das Pseudonym wenigstens einer Handvoll Menschen etwas sagt, so hilft mein ‘Klarname’ weit weniger Menschen weiter. Insbesondere sind die Kreise (um mal im Google-Jargon zu bleiben) völlig andere: Es gibt beinahe keine Schnittmenge, die sowohl Pseudonym als auch Klarname kennen. Ob meiner Netznutzung nur logisch: Ich kommuniziere (hauptsächlich) mit mir fremden Menschen. In der Regel auch über Themen (Techkram), mit denen ich z. B. in meiner Familie eher befremdlich wirken würde. Demnach ist auch das Bilden einer solchen Schnittmenge weder für mich noch Menschen in meinem Umfeld von irgendeinem Interesse.
Was macht einen Namen echt?
Neben diesem, zugegebenerweise nur äußerst individuell gültigen Zwiespalt, frage ich mich jedoch auch, woher denn eigentlich diese Fixierung auf den Klarnamen kommt – insbesondere wenn dieser nicht überprüft wird. Würde ich nun also in mein Google-Profil “Hermann Müller” eingeben, welches nicht mein Name ist, aber wie ein echter Name klingt – dann darf ich wieder mitspielen? Der falsche Name wäre exakt so hilfreich wie mein echter. Und Google gewinnt genauso wenig, wäre aber zufrieden. Wird das Netz zu einem besseren Ort, wenn statt (man verzeihe mir die Nutzung real existierender Nicknames) ’tischnachbar’ und ‘Lichtschutzfaktor’ ein ‘Hermann Tischler’ und ‘Manfred Lichtgriebler’ (Namen frei erfunden und nicht zu den Nicknames gehörend) unter einem Kommentar steht? Es will mir nicht einleuchten.
Es gibt noch weitere Aspekte, die mir ‘Klarnamen’ suspekt erscheinen lassen, die damit zusammenhängen, dass ‘Klarnamen’ auch zu einer Gewichtung an Aussagekraft und Wahrheitsgehalt führen, die so nicht zulässig ist. Aber das würde an dieser Stelle zu weit führen, auch kann ich das selbst (jetzt, noch) nicht in passende Worte kleiden.
Dein Wohnzimmer, deine Regeln
Eine Identität wird nicht durch einen Namen erschaffen. Sie wird durch Wiedererkennbarkeit geschaffen. Aber was rede ich mir den Mund fusselig (zudem schon genügend Menschen in genügend Artikeln in anzunehmenderweise stichhaltigerer Form bereits diesen Standpunkt vertreten haben). Es ist dein Wohnzimmer, also sind es auch deine Regeln. Du willst ‘Klarnamen’. Dass ich damit Schwierigkeiten habe, ist mein Problem. Warum ich damit Probleme habe, ist erst recht mein Problem. Sehe ich mir die letzten Wochen auf Google+ so an, ist der Dienst ja nun auch (noch?) keine Sache, ohne die mein (Netz-)leben nicht auskommen könnte. Und freundlicherweise hast du mir auch ein paar Tage Zeit gegeben. Mal sehen.
Man stelle sich einmal den Ladeninhaber vor, dem man 1000 Menschen vor die Tür stellt und der nicht weiß, wie er mit denen Umsätze macht – ungefähr so geschäftstüchtig sind Verlagshäuser im jahr 2010.
Thorsten Knüwer auf Indiskretion Ehrensache zur “Nutzung” von Seitenbesuchern durch die Verlage. Das Ganze im Zusammenhang mit einer Klage deutscher Verleger gegen Google vor dem Bundeskartellamt, worin die Verlage (unter anderem und wieder einmal) fordern, an Googles Gewinnen durch die News-Verlinkungen besser beteiligt zu werden. Dass sie außerdem wissen wollen, wie Google die Trefferreihenfolge generiert, offenbart die vollkommene Armseligkeit der schreibenden Zunft. Ungleichbehandlung durch Google? Oder vielleicht doch eher bequemes Wissen darum, was man wie schreiben und taggen muss, um in der Liste nach oben zu kommen?
Dr. Eric Schmidt Resigns from Apple’s Board of Directors
Apple-Pressemitteilung vom 3. August 2009. Mit Android und ChromeOS fuhrwerkt Google Apple zuviel auf eigenem Terrain herum. Wer hätte gedacht, dass der vermeintlich nächste OS-Krieg zwischen Apple und Google ausgetragen wird?