Die erstaunliche Verwirrung um iCloud
Da stellt Apple einen Nachfolger zu einem *hüstel* moderat erfolgreichen Web-Dienst vor und die Welt dreht durch. Meine Eindrücke speisen sich zugegebenerweise aus überschaubaren Quellen. Was ich zur iCloud weiß, weiß ich von der WWDC, dem kürzlichen iPhone-Event sowie in der Zwischenzeit aus zahlreichen Podcasts. Was die konventionelle Presse daraus gemacht und welche Erwartungen sie (anscheinend) geweckt hat, ist mir nur indirekt durch die Konfusion nach der Umstellung, die sich in Foren ablesen lässt, bekannt. Es scheint jedoch unwahrscheinlich, dass ich ausgerechnet in ein Nest an iCloud-Nichtverstehern gestolpert bin. Es herrscht schon ein ungewöhnlich hohes Maß an Verwirrung. Selbst will ich mich gar nicht ausnehmen.
It just works.
Dass es zur Freischaltung an allen Ecken rumpeln würde, war klar (sollte klar gewesen sein – so manche Nutzerreaktion lässt auch daran zweifeln). Ob der Dienst selbst also tut, was er tun soll, wird sich noch zeigen müssen. Aber damit die Aussage zutrifft, muss ja auch noch eine weitere Komponente mitspielen: der Nutzer. Wenn man sich die Reaktionen so durchliest, steht dort selten geschrieben Meine Kontakte werden nicht mehr synchronisiert, alles ist weg!
, vielmehr türmen sich Fragen, ob in dieser oder jenen Konstellation etwas so oder so funktioniert. Es ist nicht der Dienst, der nicht funktioniert. Es sind die Benutzer, die nicht wissen, wie und ob er funktioniert – oder gar was der Dienst eigentlich ist.
Es wäre einfach zu sagen, dass Apple nicht dafür verantwortlich sein könne, dass der Fehler offensichtlich vor dem Bildschirm sitzt. WWDC, iPhone Event und auch Podcasts darf man als zählbare Informationsquelle für die Masse an Kunden wohl streichen. Primär wird der interessierte Kunde – wenn überhaupt – auf apple.com Informationen suchen. Man könnte an der Beschreibung, was denn die iCloud nun ist (und was sie nicht ist), meiner Meinung nach einiges kritisieren. Aber darauf will ich nicht hinaus. Die iCloud ist kein isoliertes Produkt, das auf einmal in die Realität ploppt. Die meisten Kunden haben bereits etwas sehr ähnliches im Einsatz: Mobile Me.
Wie oft wird Mobile Me auf den iCloud Promo-Seiten erwähnt? Kein einziges Mal. Gleiches gilt für das derzeit wahrscheinlich noch mehrheitlich eingesetzte Betriebssystem. 10.6 wird kein einziges Mal erwähnt. Während iOS 5 zahlreich erwähnt wird, muss man selbst nach 10.7 lange suchen. Einmal wird es erwähnt:
Der Uprade Path
Apple beschreibt gewohnt blumig, wie toll und schön die Welt mit iCloud ist. Aber sie verpassen es, den Benutzer abzuholen, wo er wahrscheinlich ist: in einer ungewohnt inhomogenen Umgebung aus Rechnern mit 10.6 und 10.7 sowie iOS-Geräten mit iOS 4 und iOS 5. Mit Mobile Me, ohne Mobile Me, mit Apple ID, mit mehreren IDs, mit Familien-Accounts etc. pp. Besonders wenig hilfreich ist hierbei ausgerechnet das einzige Dokument, das sich mit dem Übergang von Mobile Me zu iCloud auseinandersetzt: Fragen und Antworten zum Übergang von MobileMe zu iCloud. Hier werden zwar einige wichtige Fragen beantwortet, Apple umgeht jedoch einen entscheidenden Punkt: Was ist denn eigentlich, wenn ich ein iPhone mit iOS 5 habe und einen Rechner mit 10.6.
Und das ist nur ein Beispiel einer (nicht unüblichen) Kombination, deren Auswirkungen Apple nirgends kommuniziert. Dass iCloud mit 10.7 und iOS 5 funktioniert ist eben keine glasklare Aussage, dass es mit 10.6 und iOS 4 (oder anderen Kombinationen) nicht funktioniert. Happy communications one-on-one, dass man negative Aussagen stets zu vermeiden hat.
Mit gesundem Menschenverstand, möchte man meinen, ließe sich dennoch jeder Tumult noch vermeiden. Man muss ja nicht sofort zur iCloud wechseln. Auch wenn Apple einen geradezu dazu verführt. Aber It just works
verbunden mit lapidaren Aussagen und kleingedruckten Einschränkungen sind vielleicht doch keine ausreichende Kommunikation in einer überraschend komplexen Umgebung. Möglicherweise hat Apple sich und seinen Kunden mit drei Umstellungen zugleich (OS X, iOS und iCloud) etwas viel zugemutet. Angenommen, der iCloud-Launch hätte erst in einem halben Jahr stattgefunden – ein größerer Teil der Kundschaft hätte sich mit den 10.7- und iOS-5-Updates arrangiert und alle Geräte auf einen Stand gebracht. Man könnte sich dann in Ruhe auf die Umstellung Mobile Me > iCloud konzentrieren. Es würde sich nur eine Komponente in einem einigermaßen homogenen Umfeld verändern. Derzeit ändern sich gleich drei Komponenten in einem inhomogenen Umfeld. Das ist gerade im Apple Umfeld sehr selten. Wahrscheinlich aus guten Gründen.
Keiner ist Schuld und nichts ist kaputt
Hier soll keine Klage geführt werden. Keiner ist an etwas Schuld. Apple hat einen Dienst eingeführt, der von anfänglicher Überlastung abgesehen prinzipiell zu funktionieren scheint. Was der Dienst kann und was nicht, ist hinreichend erklärt. Es wird einem nichts genommen, und man muss nichts ändern. Wer besonnen auf das Angebot blickt, wird seinen Weg finden. It just works
hingegen ist anders. 10.6 von der iCloud auszuschließen (zumindest vorerst) scheint mir ein unnötiger Stolperstein – ein 10.6.9 mit iCloud-Konnektivität hätte wahrscheinlich 90% aller Entrüstung und Verwirrung beseitigt. Dass die Chance vergeben wird, endlich diverse IDs zu einer Apple ID verschmelzen zu können, ist das eigentliche Versäumnis, über das ich mich aufzuregen vermag.
